Fragen

1. Eigenverantwortlich lernen: Tönt ja schön, aber was bringt das wem konkret?
2. Gewisser Drill und Disziplin braucht es doch oder nicht?
3. Ich war auch in der Volksschule und habs ohne grössere Schäden überlebt?
4. Kreativität fördern und nicht unterdrücken: Sicherlich positiv, aber mein Kind soll ja auch nicht Musiker/in werden?
5. Werden die Kinder hier nur mit Samthandschuhen angefasst und gehen dann später unter in der „realen Welt“?
6. Macht die Volksschule die Kinder denn kaputt?

1. Eigenverantwortlich lernen: Tönt ja schön, aber was bringt das wem konkret?

Der Lernprozess verläuft bei jedem Kind anders. Eines lernt das Mulitplizieren mit 5 Jahren beim Kuchenbacken, das andere anhand eines Montessori Materials mit 8 Jahren. Die Entwicklung von Kindern kann bis zu 3 Jahren auseinander liegen. Und wie ein Kind lernt, ist nochmals von Kind zu Kind verschieden. Am effizientesten d.h. am schnellsten, nachhaltigsten und mit dem geringsten Aufwand, geschieht Lernen in der sogenannten sensiblen Phase, wie Maria Montessori diese Zeitspanne nennt. Eine Phase, in der das Kind ein ausgeprägtes Interesse an einer Sache hat. Ein Zeitfenster, in dem es besonders empfänglich ist, einen bestimmten Inhalt oder eine Kompetenz zu erwerben. Nehmen wir als Beispiel das Lesen. Die sensible Phase für Buchstaben liegt zwischen dem 3-6 Lebensjahr. Wird das erhöhte Interesse an Schriftzeichen von der kompetenten Lehrperson beim Kind erkannt, bietet sie ihm entsprechendes Material an. Liegt sie mit ihren Beobachtungen richtig, werden die Buchstaben vom Kind in kürzester Zeit, mit einer unglaublichen Konzentration gelernt.  Erfolgt dieses Lernangebot zu einen späteren Zeitpunkt, welcher dann nicht in der sensiblen Phase liegt, ist der Erwerb mit einem grösseren Aufwand, mit mehr Bemühen und Zeit verbunden.
Deshalb macht es Sinn, in diesen sensiblen Phasen zu lernen. Es ist einfach effizienter.

Da aber für Eltern und Lehrpersonen diese sensiblen Phasen meist nicht ersichtlich sind und sie somit den optimalen Zeitpunkt für das Lernen bestimmter Inhalte nicht erkennen können, da es innere Prozesse im Kind sind, ist es notwendig, dass sich das Kind frei in einer Lernumgebung das Material aussuchen kann, zu welchem es sich hingezogen fühlt. Das Kind selber steuert seinen Lernprozess. Aufgrund dieser Erkenntnis macht es kaum Sinn, 24 Kindern zum gleichen Zeitpunkt den gleichen Lerninhalt vermitteln zu wollen. Wenn man Glück hat, sind vielleicht 2-3 Kinder darunter, die genau zu diesem Zeitpunkt empfänglich sind für den Lerninhalt, der auf dem Programm steht. Der Rest der Klasse muss sehr viel Energie dafür aufwenden, den geforderten Inhalt zu lernen. Meist hat dieser dann auch keine Chance durch Verstehen tief im Hirn verankert zu werden. Dadurch muss der gleiche Inhalt immer und immer wieder wiederholt werden, anstatt dass darauf aufgebaut werden kann. Nochmals ein ungeheurer Energieaufwand.

Das sind Gründe, warum im LernRaum Allegra eigenverantwortlich gelernt. Alle Lerninhalte einer bestimmten Entwicklungsstufe z.B. 7-9 Jahren, sind als Lernmaterialien mit integrierter Selbstkontrolle im Lernraum vorhanden. Das Kind wählt selber, zu welchem Zeitpunkt, welches Material, mit wem, wo und mit wem es damit spielen/lernen will.

2. Gewisser Drill und Disziplin braucht es doch oder nicht?

Druck und Drill sind aus neurowissenschaftlicher Sicht einer der Gründe dafür, dass Lernen nicht stattfinden kann. Ist das Hirn mit Angst besetzt (nicht zu genügen, bloss gestellt oder abgewertet zu werden), findet kein Lernen statt. Das Kleinhirn reagiert bei Angst mit Kampf oder Flucht, wie zur Urzeit. Dies hat uns das Überleben als Spezies gesichert. Auch heute erfüllt es noch seinen Zweck, aber eben nicht beim Lernen. Beim nachhaltigen Lernen müssen möglichst viele Regionen im Hirn für Vernetzungen offen sein, was unter Angst nicht der Fall ist. Diese bewirkt ein Zusammenziehen, was das Gegenteil bewirkt.

Maria Montessori spricht von der Polarisation der Aufmerksamkeit. Diese tritt ein, wenn ein Kind ein Tätigkeitsfeld gefunden hat, welches seinem inneren Bedürfnis entspricht. Jeder kennt das Versunkensein eines Kindes bei seinem Tun. Das Kind hat sich selbst diszipliniert, sich bewusst selbst reguliert um diesen Zustand zu erreichen. Wird diese Aufmerksamkeit des Kindes bewusst gefördert, entsteht ein disziplinierter Raum. Ein wichtiger Bestandteil im LernRaum Allegra, diese Disziplin zu fördern.

Kann ein Kind sich noch nicht selber disziplinieren, helfen die verbindlichen Regeln im Lernraum. Diese dienen der Orientierung, geben Struktur und Sicherheit. Die Lehrperson achtet auf die Einhaltung dieser Regeln.

3. Ich war auch in der Volksschule und habs ohne grössere Schäden überlebt

In erster Linie geht es mir gar nicht um die Vermeidung von Schäden, sondern darum, was alles möglich ist. Wenn Gesellschaften nicht stagnieren wollen, wenn auch Neues gedacht werden soll, ist es wichtig, Fähigkeiten breit zu fördern. Es geht auch um Talente, von denen wir heute gar nicht wissen, ob sie in der Zukunft von Bedeutung sind. Wenn wir alle Kinder zwingen, sich an dieselben Bewertungsmaßstäbe anzupassen, entwickelt sich unsere Gesellschaft nicht weiter. Die Funktionalität des Menschen als Ziel hatte im Maschinenzeitalter seine Richtigkeit. Doch heute wollen wir doch auch denkende Menschen, nicht nur solche die einfach funktionieren, oder?

Als Beispiel die Geschichte von Thomas Edison (USA 1847-1931). Die Schule schickte seiner Mutter einen Brief, in dem stand, dass ihr Sohn geistesgestört sei. Auf die Frage ihres Sohnes, was denn in diesem Brief stand, antwortete die Mutter: «Diese Schule kann dir nichts mehr beibringen.» Es blieb ihr zu dieser Zeit nichts anderes übrig, als ihn selber zu unterrichten. Er erfand die erste Glühlampe.

In unserer Gesellschaft geht es einfach nicht mehr nur ums Überleben, sondern ums Weiterentwickeln. Wenn wir unseren Planeten anschauen, waren wir Menschen bis jetzt nicht besonders erfolgreich, im Sichern des Lebens aller Dinge auf dem Planeten. Und wenn ich meine Kinder anschaue, sind sie meistens bedeutend glücklicher als ich und lachen auch mindestens zehnmal so viel am Tag wie ich. Ist das jetzt der Sinn des Lebens, dass meine Kinder so werden wie ich? Durchs gleiche System wie ich? Ja, ich hatte Glück. Kam ohne grossen Schaden da raus. Ist das das Ziel? Keinen Schaden zu nehmen?

4. Kreativität fördern und nicht unterdrücken: Sicherlich positiv, aber mein Kind soll ja auch nicht Musiker/in werden?

Spiel ist eine andere Bezeichnung für Kreativität. Kreativität führt zu ganz anderen Lösungen, als wenn man sich angestrengt auf eine Lösungsfindung konzentriert. Beim Vokabeln lernen beispielsweise, sind die Bereiche im Gehirn, welche dafür verantwortlich sind, offen d.h. aktiv. Wenn jemand spielt, sind alle Bereiche des Gehirns gleicher massen offen. So können Verbindungen geknüpft werden, die bei der fokussierten, zielgerichteten Arbeit an einem Thema nie möglich wären. Grosse Ideen kommen unter der Dusche oder beim Spazieren gehen, nicht aber vor der Deadline.

5. Werden die Kinder hier nur mit Samthandschuhen angefasst und gehen dann später unter in der „realen Welt“?

Samthandschuhe habe ich keine. Dafür Empathie und Mitgefühl. Davon kann man meiner Meinung nach nie zu viel haben und schon gar nicht zu viel geben. Diese Eigenschaften haben nichts damit zu tun, den Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, sie vor ihren Fähigkeiten zu schützen oder diese nicht wahrnehmen zu wollen aus eigener Angst oder Bequemlichkeit. übertriebene Forderungen zur Selbständigkeit in einem Alter zu fördern, wo diese noch gar nicht gefragt ist. Das macht nämlich kein Kind stark, sondern unsicher, schwach und abhängig.

Ich orientiere mich in meinem Konzept am Leben. Ausschliesslich daran. Dem realen, jetzigen Leben entnehme ich den ganzen Lernstoff. Und die Haltung im LernRaum ist lebensfreundlich, authentisch, natürlich, wie die Arbeit mit Kindern halt ist. Wunderbar echt.

Und dass man aus der Stärke heraus besser auf Herausforderungen reagieren kann, als aus der Schwäche, erscheint mir einfach nur logisch. Das heisst, es macht für mich keinen Sinn, das Kind schon mal zu unterdrücken, zurecht zu biegen und zu schwächen, damit es dann auf die Welt, die es erwarten wird, vorbereitet ist. Erstens wissen wir ja nicht einmal, was es dann erwarten wird. Und zweitens ist es ein wissenschaftlich untersuchter Fakt, dass die Reaktion des Menschen auf schwierige oder belastende Lebenssituationen, abhängig ist von seiner Resilienz und nicht davon, wie sehr er vorher abgehärtet wurde. Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind Faktoren wie Selbstwirksamkeit, die Toleranz für Ungewissheit, die Fähigkeit Beziehung zu gestalten oder Problemlösungsorientierung. Aber auch Umweltfaktoren wie die Familie oder die schulische Umgebung, sowie Prozessfaktoren (z.B. Fähigkeit zur Akzeptanz der Situation, Bewältigungsstrategien) haben ihren Einfluss auf diese z.T. lebenserhaltende Eigenschaft des Menschen. Daran kann man arbeiten.

6. Macht die Volksschule die Kinder denn kaputt?

Die grosse Energieverschwendung beim Lernen (siehe Punkt 1.), etwas mit hohem Mehraufwand lernen zu müssen, geht oft auf Kosten der Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Sie haben kaum Zeit zum Spielen, geliebte Hobbies müssen meist ab der 4.Primarstufe aufgegeben werden. Die Musse in den Klassenräumen weicht einem hecktischen Wissenbefüllen, wo Lernen dann nicht mehr als Herausforderung, sondern als Frustration oder sogar als Abwertung erlebt wird. Wird dann noch belohnt mit Sternchen, Sätzchen oder Noten, dann geht der Hauptantrieb für`s Lernen verloren – die eigene Motivation sich einen neuen Lerninhalt anzueignen. Daraus resultiert, dass nur noch mit Druck oder mit Aussicht auf eine Belohnung gelernt wird. Ich kenne das Arbeiten unter diesen Umständen. Ich wünsche mir für meine Kinder andere Antriebe für die Ausübung ihrer späteren Tätigkeit.

In einem System, wo die Erreichung der Lernziele wichtiger ist, als die gesunde Persönlichkeitsentwicklung leidet auch die Selbstwirksamkeit d.h. das Gefühl selber in der Welt etwas bewegen zu können, sein eigenes Leben beeinflussen zu können. Der Raum für eigene Interessen, ein anderes Vorgehen beim Lösen von Aufgaben, Mitdenken und Mitgestalten fehlt, ist nicht gefragt, da zügig die Lerninhalte abgehackt werden müssen.

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